Klimaschutz vor der eigenen Haustür: Was geht – und wo es auch Grenzen gibt

Kalefelder Initiative lotet erste Ideen und Themen aus / Demnächst regelmäßige Treffen als „Umweltabende“

Die Teilnehmer des Auftaktabends zu den folgenden „Umweltabenden“: Lokale Ideen zum Klimaschutz sind gefragt

Kalefeld. Der letzte Freitag sollte für den Klimaschutz ein bedeutsamer Tag werden. Was für die großen Demonstrationen in ganz Deutschland sicher zutreffend ist, für das von der Bundesregierung vorgestellte Klimapaket eher weniger. Das Thema bewegt aber nicht nur global oder bundesweit, es bewegt auch alle Menschen direkt vor Ort, und das nahmen für den Bereich der Gemeinde Kalefeld, oder auch wenigstens erst einmal der Ortschaft Kalefeld, verschiedene Institutionen und Personen zum Anlass, einen Abend am letzten Freitag zu initiieren, der auf „die Wichtigkeit des Themas der Bewahrung der Schöpfung“ hinweisen wollte. Aber auch nach konkreten Möglichkeiten suchen sollte, wie die Menschen vor Ort mit dem Thema Klimaschutz umgehen und eigene Lösungen dazu vorschlagen könnten. Um die Thematik nicht zu weit zu fassen, waren verschiedenen Themenbereiche vorgegeben.

An sich sollten sowohl Vertreter der Auetalschule als auch der Bürgermeister dabei sein. Während Letzterer sich erkrankt abgemeldet hatte, verwies die Schule auf eine vormittägliche Aktion und hatte keinen eigenen Vertreter entsandt. Rund 25 Interessierte fanden sich im Gemeinderaum des Pfarrhauses zusammen, wo sie Pastor Rolf Wulkop als einer der Initiatoren begrüßte und den Ablauf vorstellte.

Vier Themenbereiche, die auch durch Tafeln vertreten waren, auf die Notizen und Ideen geheftet werden sollten, standen für diesen ersten Abend – dem weitere folgen sollen, wenn das Interesse besteht – an: 1. Zustand und Zukunft des Waldes; 2. Klima und Ernährung = Klima und Landwirtschaft; 3. Was können wir in unserer Gemeinde tun, und zu guter Letzt der „Parkplatz“, die Fläche für alles, was nicht in die drei vorgenannten Themen passt.

Zum ersten Part, dem Wald, hatte Wulkop mit Andreas Nolte als Vorsitzendem der Forstgenossenschaft Kalefeld einen kompetenten Informanten eingeladen. Nolte berichtete, die Genossenschaft verwalte rund 220 Hektar Wirtschaftswald, die zu einem Drittel Fichtenbestände umfassen, zwei Drittel sind vorwiegend Buchen sowie einige andere Bäume.

Wie in allen anderen Forsten auch gibt es in Kalefeld bereits klare Sorgen. Die Hauptschäden würden zur Zeit durch Trockenheit und Borkenkäferbefall – die beide Hand in Hand gehen – hervorgerufen. Während der Borkenkäfer noch vornehmlich die Fichtenbestände bedroht, gibt es durch die letzten trockenen Jahre inzwischen auch ernste Probleme mit der bis dahin als recht krisensicher geltenden Buche: Sie leidet durch die Trockenheit an einem starken Astbruch, der zunehmend zur großen Gefahr für Waldbesucher, vor allem aber bei Baumfällungen wird.

Die Veränderungen seien zeitlich extrem schnell gekommen, so Nolte: „Das hat vor zwei Jahren so noch niemand erwartet.“ Entsprechend in den Anfängen stecken die Lösungsvorschläge. Wohl seien die Forstämter seit längerem daran, zum Beispiel Ersatzgehölze zu prüfen, die anstelle der stark unter Klimawandel­phänomenen leidenen bisherigen Standortgehölze angepflanzt werden können, aber die Unsicherheit bleibt, ob ein heute als robust geltender Baum auch in zehn Jahren noch diesen Ruf habe, wenn der Klimawandel fortgeschrittener sei. Zudem gebe es keinen Baum, der nicht gegen irgendetwas anfällig sei.

Die Suche nach einer lokalen Lösung beschäftigte die zusammengekommene Runde sehr. Unter anderem wurde vorgeschlagen, ob die Genossenschaft nicht lokale Finanzhilfen in Anspruch nehmen könnte, wenn sie mangels Absatz zu wenig Eigenkapital für großflächiges Nachpflanzen hätte. Denn die wichtige Kohlendioxid bindende Eigenschaft des Waldes war allen Teilnehmern klar und ein möglichst schnell nachwachsender Wald daher wichtig.
An diesem Vorschlag zeigten sich dann aber auch Grenzen des lokalen Einsatzes: Die Genossenschaft müsse erst prüfen, unter welchen Umständen man privates Fremdkapital annehmen wolle oder könne, so Nolte. Die Idee ist neu und hat es so wohl bisher kaum oder gar nicht gegeben. Die Forst wolle sich damit dann aber eben auch keine fremden Ansprüche einhandeln. Das Modell soll in Genossenschaftssitzungen aber mindestens angesprochen und geprüft werden.

Ebenso stoßen Vorschläge, bei Pflanzungen Hilfe zu leisten an Grenzen, weil solche in den Wirtschaftlichkeitsdimensionen einer Forstgenossenschaft normale Vorstellungen, wie sie vielleicht für einen Schulwald oder private Pflanzungen angelegt werden könnten, bei weitem übersteigen. Hier sei auf einem Hektar die Rede von 8.000 bis 10.000 Pflänzlingen, erklärte Nolte.

Nichtsdestotrotz sah man in der Versammlung dennoch Möglichkeiten, etwas gemeinsam zu machen. Im angemessenen Rahmen auf einer dafür festgelegten, überschaubaren Fläche zum Beispiel. Diese Überlegung soll dann weiterverfolgt werden.

Generell aber zeigte sich bei diesem Punkt, dass es bei allem guten Willen manchmal sehr schwierig sein kann, privates Engagement in den Kampf gegen den Klimawandel zu schicken. Der Wirtschaftswald ist dafür möglicherweise ein weniger gut geeignetes Betätigungsfeld.

Klima und Landwirtschaft

Ganz anders beim Thema Klima und Ernährung beziehungsweise Klima und Landwirtschaft. Zu diesem Thema konnte die Kalefelder Landwirtschaftsmeisterin Irmgard Bulle profunde Hintergründe vortragen und es fanden sich in der Diskussion zahlreiche gute Ansätze, wie Engagement vor Ort Betätigungsmöglichkeiten finden könnte.

Das Wichtigste im Moment sei wohl, so Bulle bei ihrem Kurzreferat, die Menschen dafür zu sensibilisieren, bei ihren Lebensmitteln zu hinterfragen, wo sie herkämen. Sie nannte als Beispiel Brot-Teiglinge, wie sie in Discountern aufgebacken werden. So manchen Anwesenden dürfte überrascht haben, dass sie zum Beispiel sogar aus China geliefert werden, um uns dann mit einem Grundnahrungsmittel zu versorgen, dass im Wesentlichen auch auf den Äckern um Kalefeld wachse.

Wer dann künftig auf regional gewachsene und produzierte Lebensmittel wechseln wolle, muss sich ebenfalls noch informieren, denn selbst die Anbieter stellen diesen Aspekt zwar zunehmend heraus, aber immer noch viel zu selten. Bulle belegte das am Beispiel einer heimischen Bäckerei, die den Bezug ihres Mehles auf eine regionale Mühle umgestellt hat – was viele Verbraucher vermutlich erstmalig hörten.

Generell brach Irmgard Bulle eine Lanze für die Landwirtschaft. Diese werde oft als Täter im Klimawandel angeprangert, sei aber eigentlich Opfer. Viele Landwirte, auch in der Region, müssten Ende September schon zufüttern, weil die Wiesen trocken sind. Die Landwirtschaft stelle daher selber die Frage, wie sie sich vor dem Klimawandel schützen solle, und was vor Ort möglich ist, als Verbraucher etwas zu unternehmen. Die grundlegende Antwort Bulles lautet: Der Verbraucher muss bewusster konsumieren.

Das bedeute auch, jeder müsse die eigene Komfortzone ausloten und bereit sein, sie auch zu verlassen. Beim Einkauf sollte zum Beispiel hinterfragt werden, woher Produkte kommen. Ausländisches Obst und Gemüse, das per Flugzeug klimaschädlich importiert werden müsse, sollte gemieden werden. Je lokaler ein Produkt sei, desto besser die Klimabilanz, weil dann lange Transportwege und aufwändige Frischhaltemaßnahmen entfallen.

Für besonders wichtig erachtete Irmgard Bulle auch, dass solche Information und Sensibilisierung so früh wie möglich schon bei den Kindern, am besten in der Schule erfolgen müsste, um das Bewusstsein für späteres Konsumverhalten bereits von Jung an zu entwickeln.

Zudem gab es eine Reihe von Ideen, was die Beteiligten und weitere Interessierte in Kalefeld und Umgebung zusätzlich noch initiieren könnten. Konkret wurde dabei angesprochen, dass jeden Herbst Mengen von Äpfeln ungenutzt von Bäumen entlang von Feldwegen fallen. Eine Verwertung dieser ist wünschenswert und wäre nach Bulles Vorschlag über den Einsatz einer mobilen Saftpresse auch vergleichsweise einfach möglich. Eine entsprechende Aktion soll für das nächste Jahr ins Auge gefasst werden, nachdem vorher Besitzverhältnisse geklärt und eventuell nötige Zustimmungen eingeholt sind.

Zudem besteht sicher nicht nur bei Backwaren ein Informationsdefizit über Möglichkeiten, Hintergründe oder Bezugsquellen. Eine Gruppe könnte sich mit dem Zusammentragen aller relevanten Informationen und Quellen befassen, die dann als Faltblatt veröffentlicht werden sollen. Und zu guter Letzt könnten zu bestimmten Gütern Sammelbestellungen organisiert werden, die günstiger in jeder Hinsicht ausfallen – auch für das Klima.

Nach einer Pause mit Wein, Brot und Wasser – übrigens Kalefelder Trinkwasser in Glaskaraffen anstelle von Mineralwasser, das nach Angaben von Pastor Wulkop eigentlich niemand kaufen müsse, weil man das beste Wasser der Welt zuhause aus dem Hahn bekomme – sowie Mirabellen und Beeren, die von den Konfirmanden gepflückt und vorbereitet worden waren, ging es im dritten Komplex um die Frage, was die Gemeinde Kalefeld tun könne. Zwei Ideen wurden dabei diskutiert.

Zum einen ging es um den Schulwald nahe dem Bibelgarten. Diesen betreut bislang noch die Auetalschule. Niemand weiß jedoch, was aus der Anlage wird, wenn es die Schule in einigen Jahren nicht mehr gibt. Der Schulgarten als Anpflanzung, in der CO2 gebunden werden kann und die auch zum Thema Forst und Baumpflanzungen passt, sollte schon weiter bestehen und gepflegt werden. Hier soll mit Schule wie Gemeinde über zukunftsgerichtete Lösungen gesprochen werden.

Das zweite Thema waren die zunehmend beliebten Blühwiesen als Bienenweiden. Die Teilnehmer des Abends konnten sich schon einige öffentliche Stellen vorstellen, die so umgestaltet werden könnten. Andreas Nolte von der Forstgenossenschaft warnte aber davor, zu glauben, dass es mit der Aussaat getan sei. Blühwiesen erforderten Pflege, die garantiert sein müsse, sonst werde sich die Gemeinde auf keine Umwandlungen öffentlicher Flächen einlassen.

Erkenntnisse und der Fortgang

Am Ende eines über zwei Stunden langen Abends standen mehrere Erkenntnisse: In nicht allen Bereichen des unmittelbaren Umfeldes sind klimaschützende Maßnahmen immer einfach möglich. In anderen liegen sie auf der Hand, erfordern aber das Verlassen der Komfortzone und ein bewusstes, verändertes Verhalten.

Konkret befragt, wer nach diesem Abend an einem zweiten Treffen teilnehmen würde, meldeten sich spontan zehn der rund 25 Teilnehmer. Sie wollen zum Folgetreffen kommen – und vielleicht weitere Interessierte zum Mitkommen motivieren –, zu dem als „Umweltabend“ demnächst in Kalefeld eingeladen werden soll.rah