„Wo liegt Deutschland, und gibt es dort auch Strom?“

Jonas Sehlen aus Willershausen war über das Parlamentarische Austauschprogramm ein Jahr in den USA

Ausflug nach Washington zum Kapitol.

Willershausen. Ein Jahr im Ausland verbringen – für viele junge Menschen ist das ein Traum, der sich nicht allzu oft erfüllen lässt. Für Jonas Sehlen aus Willershausen ist dieser Traum Wirklichkeit geworden: Über das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) konnte der 22-Jährige ein Jahr in den USA verbringen und dort wertvolle Erfahrungen sammeln. Von August 2018 bis Juli 2019 lebte er in Rocky Ford im Bundesstaat Colorado bei einer Familie.

Beworben hatte sich Sehlen auf das Stipendium bereits im Mai 2017, über den Wahlkreis des Bundestagsabgeordneten Dr. Roy Kühne (CDU) zur Verfügung. Das Stipendium richtet sich speziell an Auszubildende und soll die deutsch-amerikanischen Beziehungen stärken, so Sehlen. Das Programm bestand aus zwei teilen. Von August bis Dezember studierte der Willershäuser an einem College und von Januar bis Juni arbeitet er als Praktikant bei einer lokalen Privatbank. Für seine Bewerbung kam ihm zugute, dass er nach dem Abitur eine Banklehre bei der Kreissparkasse abgeschlossen hatte. Inzwischen studiert Jonas Sehlen Interkulturelle Betriebswirtschaftslehre in Marburg.

Als einen großen Gewinn bezeichnet der junge Mann, dass er die englische Sprache nun sehr gut beherrsche. Englisch habe er zwar vorher schon gut gesprochen, aber durch den Aufenthalt hätten sich seine Kenntnisse gefestigt. Allein dadurch, dass man tagtäglich Alltagssituationen gegenüber gestanden habe, habe er viele Umgangswörter und Slang-Ausdrücke gelernt. Seine Gastfamilie habe ihn wie ein neues Familienmitglied behandelt. Und auch die Erfahrungen dort hätten ihm als „Einzelkind“ sehr gut getan, wie er schmunzelnd erzählt. Denn die Familie hat einen siebenjährigen Sohn und eine neunjährige Tochter. Als quasi großer Bruder konnte er an deren Erziehung teilhaben, merkt dabei jedoch auch an, dass es in den USA anscheinend etwas lockerer zugehe. Eine weitere Bereicherung sei gewesen, dass er an dem College eine typisch amerikanische Studentenzeit hautnah erleben konnte.

„In Amerika dreht sich alles um Sport, es gibt zahlreiche Sportvereine für unzählige Sportarten“, so Sehlen. Und durch die vielen Uni-Mannschaften würden sich die Studenten auch viel mehr mit ihrem College identifizieren. Er selbst sei auch gleich Mitglied einer College-Fußballmannschaft geworden, wodurch er schnell Kontakt zu den amerikanischen Studenten bekam, im Gegensatz zu denjenigen, die sich keiner Mannschaft angeschlossen hätten.

Sehlen beschreibt das Leben in den USA grundsätzlich als lockerer und aufgeschlossener als hier in Deutschland. Sogar das Praktikum in der Privatbank habe er so empfunden. Trotz der auch dort vorhandenen Hierarchie habe man sich wie in einem Familienunternehmen gefühlt, dennoch seien die Regularien dort genauso wie bei Banken in Deutschland. Und doch, der offensichtlich lockere Schein trüge vielleicht, wie Sehlen es beschreibt, denn im Grunde stecke hinter dieser scheinbaren Offenheit wohl doch manchmal nur ein oberflächliches Gehabe. Ehrenamtliche Sozialstunden gehörten auch zum Programm. 100 Stunden unterstützte er als Betreuer eine kleine Fußballmannschaft, half in einer Bücherei und in Schulen beim Deutschunterricht. Eine Station dabei war auch sein Engagement auf einem Recyclinghof.

Mülltrennung sei so ein Thema, das in den USA nicht gerade groß geschrieben werde. „Mülltrennung wird dort so gut wie gar nicht gemacht“. Glas und Pappe werden wohl mit dem Hausmüll abgeholt, aber im Hausmüll würde auch der Plastikmüll landen. Die Menschen müssten sich selbst darum kümmern und sich die entsprechenden Tüten beim Recyclinghof holen.

Bevor er jedoch wieder nach Deutschland zurückkehrte, unternahm Sehlen mit drei weiteren Teilnehmern des PPP eine Rundtour von Seattle über San Diego und Las Vegas, Grand Canyon, Salt Lake City und zum Yellowstone Nationalpark. Grundsätzlich möchte dieses Jahr nicht missen. „Es war eine sehr schöne Erfahrung, mal über den Tellerrand zu blicken“.

Erstaunt sei er jedoch darüber gewesen, wie wenig die Amerikaner über Deutschland wüssten. Als er einmal bei 13-jährigen Schülern beim Unterricht half, musste er sich allerlei Fragen stellen, wie zum Beispiel, ob es in Deutschland Strom in den Häusern gebe, teilweise wussten die Schüler auch nicht, wo Deutschland überhaupt liegt. Amerikaner seien doch sehr auf ihr eigenes Land fixiert. Das mussten auch seine Eltern zugeben, die Jonas für drei Wochen besuchten. Viel erschreckender sei jedoch die Tatsache, dass jeder, der einen Waffenschein hat, sich bei Wallmart eine Waffe kaufen könne, so Christiane Sehlen-Martin. „Übertrieben gesagt, steht dort das Kinderspielzeug neben den Waffen, das ist dort Gang und gebe“.

Dennoch habe Sehlen in den USA nur gute Erfahrungen gemacht. „Insgesamt war es ein tolles Jahr, das ich nicht vergessen werde“.

Das Parlamentarische Patenschafts-Programm gibt seit 1983 jedes Jahr Schülerinnen und Schülern sowie jungen Berufstätigen die Möglichkeit, mit einem Stipendium des Deutschen Bundestages ein Austauschjahr in den USA zu erleben. Zeitgleich sind junge US-Amerikaner zu einem Austauschjahr zu Gast in Deutschland. Das PPP ist ein gemeinsames Programm des Deutschen Bundestages und des US-Congress. Die Bewerbungsfrist für das 37. Parlamentarische Paten-Programm für 2020/21 ist abgelaufen. Anfang Mai 2020 beginnt die Bewerbungsfrist für das 38. PPP 2021/22.hn