Die Bürgermeisterwahl: Eine Analyse

Schwarz holte mehr Stimmen als vor sieben Jahren / Deutlich höhere Wahlmobilisierung

Bad Gandersheim. Wie man den Ausgang der Bürgermeister- Stichwahl am Sonntag beurteilt, ist ohne Frage sehr stark abhängig vom eigenen Standpunkt. Die einen sahen im Sieg von Franziska Schwarz einen „klaren Erfolg“, die anderen bescheinigten Herausforderer Peik Gottschalk, der Amtsinhaberin durchaus ebenbürtig gewesen zu sein. Der Kandidat selbst bescheinigte (GK berichtete) der alten wie neuen Bürgermeisterin, das Ergebnis sei für sie eine „Klatsche“.

Eine berechtigte Einschätzung? Gemessen an ihrem unerwartet deutlichen Wahlsieg vor sieben Jahren mag das – sehr vordergründig – so aussehen. Seinerzeit siegte Schwarz bereits im ersten Wahlgang gegen Amtsinhaber Heinz-Gerhard Ehmen und noch einen dritten Bewerber, der aber bei unter vier Prozent keine entscheidende Rolle spielte, mit 58,77 Prozent. Ehmen bekam 37,63 Prozent, deutlich weniger als am Sonntag Herausforderer Peik Gottschalk. Genaue Analyse relativiert Auf den zweiten Blick indes relativiert sich dieses Bild rasch, wenn man allein schon die absoluten Stimmzahlen dahinter betrachtet: 2014 wählten 2903 Gandersheimer Franziska Schwarz.

Am Sonntag erhielt sie sogar die Stimmen von 3044 Wählern! Also über 140 Stimmen mehr als vor sieben Jahren. Und mit 57,27 Prozent lag sie nur marginal von ihrer Zahl aus 2014 entfernt. Was das Bild anders erscheinen lässt als vor sieben Jahren, ist das Ergebnis von Peik Gottschalk. Er holte am Sonntag mit 2271 Stimmen deutlich mehr als seinerzeit Heinz-Gerhard Ehmen, der auf nur 1859 Stimmen gekommen war – und dies als Amtsinhaber. Die große Differenz von über 400 Stimmen mehr bei Gottschalk ist einem deutlich intensiver und kontroverser geführten Wahlkampf 2021 zu verdanken, der eine höhere Mobilisierung von Wählern zur Folge hatte: 2014 erreichte die Wahlbeteiligung gerade einmal 59,4 Prozent. Von damals noch 8448 Wahlberechtigten wurden nur 4940 gültige Stimmzettel abgegeben.

Am vergangenen Sonntag war die Zahl der Wahlberechtigten auf mittlerweile nur noch 7991 gesunken, dennoch kamen aus dieser Wählerschaft mit 5315 gültigen Stimmzetteln fast genau die 400 Stimmen mehr in den Wahlurnen an, die Gottschalk mehr holte als seinerzeit Ehmen. Die Wahlbeteiligung lag mit 68,29 Prozent um fast zehn Prozent über der von 2014! Eher ein „Denkzettel“ Also „Klatsche“ für Schwarz? Angesichts dieser Zahlen kann davon eher nicht die Rede sein, wohl aber von einem „Denkzettel“, denn die Zustimmung für den Gegenkandidaten Peik Gottschalk ist zweifellos als Signal gegen die amtierende Bürgermeisterin zu werten. Dass Gottschalk letztendlich der proklamierte „Perspektivwechsel“ im Rathaus nicht gelang, muss seinem Wahlkampf mit vielen Schwächen und unübersehbaren programmatischen Mängeln zugeschrieben werden. Damit war eben am Ende nur am Stuhl der Amtsinhaberin zu rütteln – zu Sturz bringen konnte dieser Kandidat sie damit aber doch nicht. Ein „Weckruf“ also. Sicherlich, und es gibt auch noch weitere Anzeichen, die dafür sprechen. Zum Beispiel die diesmal ungewöhnlich hohe Zahl an ungültig gemachten Stimmzetteln. In der Summe waren es mit 142 am Sonntag fast doppelt so viele wie vor sieben Jahren. Sie dürfen als Protest-Ausdruck der Wähler gesehen werden, die mit keinem der beiden Kandidaten einverstanden waren.

Rationale Wahlentscheidung Von diesen Wählern gab es recht viele, auch das unterschied die Wahl 2021 von der des Jahres 2014. Wie bereits festgestellt, gab es auch vor sieben Jahren einen dritten Bewerber, der aber völlig unterging. Anders diesmal: Mit Grit Arndt tauchte in der „Vorrunde“ eine mindestens ebenso ernstzunehmende Herausfordererin für die Amtsinhaberin auf, wie dies für Peik Gottschalk galt. Das knappe Ergebnis von 30 zu 32 Prozent für Gottschalk sagt das mehr als deutlich aus. Für die immerhin gut 1500 Wähler der ausgeschiedenen Grünen-Kandidatin war es keine leichte Entscheidung, sich im Stichwahlgang auf die eine oder andere Seite zu schlagen, zumal sie in Grit Arndt ein einzigartige Alternative zu den beiden anderen Kandidaten sahen. Immerhin rangen sich die Grünen im Stadtrat noch kurz vor dem Stich-Wahltag doch noch zu einer Wahlempfehlung zugunsten von Franziska Schwarz durch – Ergebnis der Auswertung unter anderem der für Gottschalk weniger gut gelaufenen Podiumsdiskussion im Glaubenszentrum.

Dass diese Wahlempfehlung offensichtlich vielfach angenommen wurde, lässt sich unter anderem am Ergebnis des Ortsteiles Heckenbeck festmachen, der bekanntlich stark grün ausgerichtet ist: Hier bekam Franziska Schwarz ein „Traumergebnis“ von 79,5 gegen 20,5 Prozent der Stimmen. Ähnlich in Gehrenrode, dem „zweitgrünsten“ Ortsteil der Stadt. Es darf aber gleichzeitig davon ausgegangen werden, dass dies Ausdruck einer rein rationalen Entscheidung für eine Kandidatin und gegen einen Kandidaten war, und nicht reine Zustimmung für die Person und das Handeln der Bürgermeisterin. Was ist der Wählerauftrag? Was heißt das für die wiedergewählte Bürgermeisterin als Wählerauftrag? Das Wort des Perspektivwechsels bleibt auch nach der Wahl durchaus aktuell. Schon allein wegen der doch deutlich veränderten Ratsbesetzung, in der keine Fraktion mehr allein mit der Bürgermeisterin eine Mehrheit stellen kann. Franziska Schwarz muss also in den kommenden fünf Jahren ihrer zweiten Amtszeit deutlich mehr um einen Konsens im Rat ringen. Das erwartet der Wähler ohne Zweifel von ihr. Zudem gab es auch vor der Wahl bereits konkrete Kritikpunkte, in denen der Wähler Veränderung und Verbesserung ihrer Arbeit und in der Zusammenarbeit mit dem Rat erwarten darf. Vieles dauert in der Zusammenarbeit zwischen Rat und Verwaltung zu lange.

Die personellen Probleme der Verwaltung können und dürfen dafür keine Dauerbegründung bleiben. Die Hauptverwaltungsbeamte hat den klaren Auftrag, Missstände zu beseitigen, die ein effizientes Verwaltungshandeln behindern oder blockieren. Es ist ihre professionelle Aufgabe. Damit das alles agiler und besser zum Wohle von Stadt und Einwohnern funktionieren kann, müssen andererseits alle mithelfen. Auch der gesamte Stadtrat. Er kann dabei ebenso unterstützend, wie behindernd wirken. Gemeinsam Wege zu finden, für Bad Gandersheim das Beste herauszuholen, das ist auch diesmal zweifellos Auftrag der Wähler. Die Gewählten müssen dem nun nachkommen. Und darauf werden wir immer wieder achten.rah

Bad Gandersheim

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