Die Ohnmacht ist größer als die Möglichkeiten

Hochwasserausschuss: Ortstermin in Ackenhausen zeigt deutlich die Grenzen den Machbaren gegen Sturzregenereignisse auf

Ortstermin in Ackenhausen: Neuralgischer Punkt Einlaufgitter am Wehrkamp.

Ackenhausen. Bei seiner zweiten Zusammenkunft hatte sich der neue Ausschuss für Hochwasserschutz nach Altgandersheim diesmal mit Ackenhausen einen weiteren Schwerpunkt von Überschwemmungsereignissen und -schäden als Tagungsort in der vergangenen Woche ausgesucht. Bevor man sich aber zur eigentlichen Sitzung im Pfarrhaus zusammensetzte, ging es gute eineinhalb Stunden lang durch den Ort zu den Brennpunkten der Überschwemmungen zwischen 2016 und dem letzten Jahr. Ortsbrandmeister Michael Goslar und Feuerwehrkameraden führten als erfahrene Ortskundige die Gruppe.

Im Zuge dieser Begehung wurde auch eine dringende Begrifflichkeitstrennung deutlich: der Unterschied zwischen Hochwasser und Sturzregenereignissen. Hochwasser betrifft in aller Regel Fließgewässer, deren normaler Pegel durch länger anhaltende oder sich über mehrere Tage erstreckende wiederkehrende ergiebige Niederschläge steigt, bis es auch zu Ausuferungen und Überschwemmungen kommen kann.

Neben der Verbindung zu einem Fließgewässerlauf ist dabei vor allem die Zeitschiene wichtig: Hochwasser kommt meistens absehbar, das heißt, Betroffenen bleibt oft noch ausreichend Zeit, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen, wie an der Gande im Laufe durch die Kernstadt in den vergangenen Jahren immer wieder einmal zu erleben war.

Ganz anders die Sturzregenereignisse, und mit solchen hatten es vor allem die Dörfer der Heberbörde in den vergangenen zwei Jahren gleich mehrfach zu tun. Sie kommen überraschend, oftmals für den Ort ihres Niedergangs unvorhersehbar. Die Niederschlagsmengen fallen spontan in einem eher eng begrenzten Raum, wobei sich die Wassermassen aufgrund eines engen Zeitfensters oberflächlich sammeln und abfließen, da ein Versickern oder Abführen durch Vorfluter in so kurzer Zeit gar nicht möglich ist.

Im Gegensatz zum typischen Hochwasser haben die Sturzregenereignisse so auch an Stellen in den Dörfern Keller und Räume in Häusern geflutet sowie Schäden verursacht, die weitab von Fließgewässern und sogar auf Anhöhen lagen. Angesichts dieser Umstände wird schnell klar: Gegen ein solches Ereignis ist es äußerst schwer, sich mit Schutzmaßnahmen zu wappnen. Das mussten auch die Teilnehmer der Ortsbegehung in Ackenhausen mehrfach erkennen.

Besichtigt wurden binnen des rund 90-minütigen Rundganges einige der Schwerpunkte bei den Überschwemmungen des letzten Frühsommers. Ein kritischer Punkt liegt am Wehrkamp. Hier sammelten sich im Tal des Dorfes die Fluten, die vom Heber herab in die Senke flossen und im Dorfbach zusammenkamen. Der verwandelte sich binnen einer Stunde in ein reißendes Gewässer.

Da der Bach am Wehrkamp in einer Verrohrung verschwindet, wurde diese Stelle zum ersten neuralgischen Punkt. Zum einen wegen des begrenzten Fassungsvermögens der Verrohrung, zum  anderen, weil der Einlauf durch ein Gitter vor Schwemmgut geschützt ist, das aber in diesem Fall durch eben solches Schwemmgut in Massen zum Ablaufhindernis wurde und gezogen werden musste. Trotzdem stand der Wehrkamp längere Zeit unter Wasser und war bis zu einem halben Meter tief überflutet.

Eine Aufweitung des Rohrdurchlaufes wird eher nicht als Abhilfe in Betracht kommen, zumindest war dies bei der Begehung kein Thema. Die Rückhaltung unvermeidlichen Schwemmgutes – vom vermeidbaren mal ganz abgesehen, das eigentlich regelmäßig entfernt werden müsste – könnte, ja müsste unbedingt weiter oberhalb im Bachlauf erfolgen. Dazu ist ins Auge gefasst, ein Auffanggitter rund 200 Meter vor der Verrohrung einzusetzen. Um dieses herum könnte rückgestautes Wasser gefahrlos über Garten- und Wiesengrund ablaufen, anstatt sich im Dorf zu stauen.

Eine ähnliche Lösung ist für den Bach nördlich des Pfarrhauses angedacht, der entlang der Bundesstraße in Richtung Dorf fließt. Dort gibt es schon ein provisorisches Gitter Marke Eigenbau, es soll verbessert und effektiver gemacht werden.

Wie begrenzt aber die Möglichkeiten innerhalb des Dorfes sind, zeigte sich am weiteren Lauf des Dorfbaches. Der kommt am Brunnen wieder hervor. Antje Lange hat als Eigentümerin des angrenzenden Grundstücks inzwischen selbst den Schutz aufwändig verstärkt, wie sie im Zuge der Begehung erläuterte. Dies nicht nur an der Bachseite, sondern vor allem auch zur Straße hin. Die war im vergangenen Jahr wie viele andere zeitweilig ein gefluteter Wasserlauf, über diesen Weg liefen tiefer gelegene Anwesen voll. Da zum Beispiel für einen ähnlichen Sturzregen kaum außerhalb des Dorfes zu verhindern sein dürfte, dass wieder über den Zwetschenberg große Wassermengen ins Dorfinnere strömen, haben viele Betroffene inzwischen eigene Schutzmaßnahmen ergriffen. Auch knapp ein Jahr nach dem Ereignis liegen an vielen Stellen die Sandsäcke von damals immer noch griffbereit. Die Angst sitzt tief.

Umso mehr, je weiter sie in tieferliegenden Bereichen des Dorfes wohnen, wo die Macht des Wassers am Ende sogar mehr als ein Dutzend Autos mitnahm, Erdgeschosse in Häusern verwüstete und an vielen Schäden verursachte. Die Topografie ist kompliziert. Möglichkeiten, hier für Sturzregen eine Art vorgegebenen Abfluss zu schaffen, sind gering. Da ist dann mal von einer Mulde in der Wiese die Rede, um das Wasser dort zielstrebiger der Meine zuzuführen, andernorts weiß Ortsbrandmeister Michael Goslar, haben die Anwohner die schnell Aufschüttung eines Walles über die Straße als Notfallmaßnahme. So sie rechtzeitig genug erfolgen kann.

In der Summe muss das Ergebnis ernüchternd bleiben, wie es dem Ausschuss später als Beschlussvorschlag vorgelegt wurde (darüber erfolgt getrennte Berichterstattung). Es zeigt aber auch, dass in der Frage von Maßnahmen gegen Schäden durch immense Niederschläge ein großflächiger Schutz weder machbar ist,  noch gegen Niederschlagsspitzen wie im vergangenen Jahr entscheidend viel ausrichten könnte.

Für die Bürger – einige davon begleiteten den Rundgang durch das Dorf auch selbst vor der Teilnahme an der Ausschusssitzung – bedeutet dies andererseits, dass sie sich selbst ebenso intensiv mit der Frage auseinandersetzen müssen, mit welchen Mitteln sich jeder Einzelne gegen Sturzregenereignisse schützen könnte. Auch dazu gab es noch etwas im Ausschuss.rah

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