Einzelhandel: Anpacken statt Jammern

Berater Alexander Rudnik erläutert am Alfelder Beispiel, wie auch Bad Gandersheim sich entwickeln könnte

Möglichkeit Umnutzung: Wo einst das Schaufenster eines Fleischer-, später Fischgeschäftes war, entstehen jetzt Büros.

Bad Gandersheim. Die Lage ist ernst – aber keineswegs hoffnungslos. Niemand bestreitet, dass es dem Einzelhandel in Städten wie Bad Gandersheim – das hierbei vom Bundestrend keine Ausnahme macht – nicht gut geht. Dass Veränderungen die Landschaft beuteln, für Leerstände sorgen und der Prozess keineswegs in seinem Trend abgeschlossen ist. Das alles machte beim Jahresempfang der Stadt Bad Gandersheim (wir berichteten bereits) Wirtschaftsberater Alexander Rudnik deutlich. Aber er analysierte nicht nur, er zeigte auch Wege für die Zukunft auf. Darin sieht und betreibt er seine eigentliche Aufgabe.

Die Prognosen sind eindeutig, so Rudnik, der ein Beratungsbüro bei Hannover leitet. Die Prognosen für den Einzelhandelsumsatz im Bereich des Landkreises Northeim sehen zwischen 2014 und 2020 Rückgänge von 30 Prozent und mehr. Damit liegt der Landkreis in den Spitzenbereichen, von denen es aber noch eine Reihe mehr in Deutschland gibt.

Die Gründe sind meistens gut bekannt. Das Problem an sich sei zudem schon lange absehbar gewesen. Demograpfischer Wandel (bei dem es ja durch die steigenden Kinderzahlen immerhin wieder ein wenig Hoffnung für Bad Gandersheim gibt), der große Einfluss des Internethandels. Der Fortzug der sogenannten Bildungsgeneration, die es nicht mehr in ländlichen Bereichen hält. Und – man weiß es, zieht es aber selten in Betracht: Frauen sind heute in großer Zahl berufstätig. Was andersherum bedeutet, sie gehen weniger vor Ort einkaufen, weil sie gar keine Zeit dazu finden.

Das alles wird gern beklagt, Jammern, so Rudnik, stehe sowieso hoch im Kurs, habe aber bislang nirgendwo etwas zu einer Lösung beigetragen. Dazu braucht es nach seinen Worten „Anfasser“. Wie also geht „Stadtreparatur“, wie es Rudnik nennt?

Rudnik, der erfolgreich die Stadt Alfeld bei eben dieser „Stadtreparatur“ berät, nannte hier vor allem die Chancen durch Investment. Das muss auf verschiedensten Ebenen erfolgen.

Wandel habe es schon immer gegeben. In der aktuellen Entwicklung des Einzelhandels sei davon auszugehen, dass bestimmte Angebotssegmente in bestimmten Einheitsgrößen nicht mehr ausreichend nachgefragt werden und daher verschwinden oder allenfalls als Teilangebote in den lokalen Großmärkten aufgehen. Nicht alle einstigen Gewerbeimmobilien werden also weiter gewerbliche Nutzung erfahren. Hier liege am nächsten, über eine Umwandlung in innerstädtischen Wohnraum nachzudenken. Der liege durchaus im Trend.

Rudnik machte das an einem großen Beispiel in Alfeld fest, wo in einem millionenschweren Projekt mitten in der Stadt Seniorenwohnen entsteht. Diese Bevölkerungsgruppe wolle weg vom Rand der Gesellschaft, weg vom Rand der Städte mitten ins Leben. Mit kurzen Wegen zu Geschäften, Cafés und kulturellen Einrichtungen. So gesehen war das Gandersheimer Projekt von La Patria mit Seniorenwohnen in der Bismarckstraße ein visionärer Vorreiter eben dieses Trends.

Ein zweites großes Problem sei in alten Innenstädten oft die Enge beziehungsweise Kleinflächigkeit von Gewerbeflächen. Entstanden aus der gewachsenen Bausubstanz entspricht das oft nicht mehr heutigen Anforderungen. In der Regel würden mehrere Hundert Quadratmeter am Stück nachgefragt, und die sind in Alfeld wie nicht anders in Bad Gandersheim nur durch Zusammenlegungen darstellbar.

Darin liegt allerdings auch eine große, in Bad Gandersheim im besonderen ungelöste, Aufgabe. Nachdem vorweg Alfelds Bürgermeister Bernd Beushusen (GK berichtete) die Probleme beschrieben hatte, ins Gespräch zu kommen, führte Alexander Rudnik das an konkreten Beispielen weiter aus.

So sei ein wichtiger Schritt gewesen, realistische Werteinschätzungen zu erhalten. Die deutlich überhöhten Vorstellungen vieler Immobilienbesitzer hätten schon anfangs Versuche vereitelt. Erst als man eine gemeinsame Wertbasis an nachvollziehbaren Maßstäben gefunden habe, seien echte Verhandlungen möglich geworden. Dabei gab es viele Hindernisse und Vorbehalte zu überwinden, manchmal auch mit innovativen Ansätzen.

In Alfeld ist zudem das Mittel des Aufbaus einer „Standortgemeinschaft“ gewählt worden, um aus der Individualisierung zu einem „Wir“-Gefühl zu gelangen. Ein Prozess, der sich über Jahre erstreckte, gut begleitet wurde und straff organisiert war. Eingebunden war darin intensiv, wie berichtet, auch die Stadt. Gelingen können habe das aber nur durch die neutrale angesehene Begleitung des Beratungsbüros.

In der Standortgemeinschaft sind alle relevanten Akteure verbunden: Der Zusammenschluss von Händlern, die Immobilieneigentümer, die Stadt und andere mehr. Die möglichen Aufgaben einer solchen Gemeinschaft sah Rudnik in vier Feldern: Leerstandsmanagement, Ansiedlung und Umnutzungen, Marketing und Komplettierung des Handelsbesatzes. Alle Felder korrespondieren untereinander.

Alfeld hat es vorgemacht, wie man die Abwanderung von Einzelhandel auf die „grüne Wiese“ verhindert. Die Möglichkeiten dazu hätte auch Bad Gandersheim. Dazu muss aber neben dem politischen Willen der Weg aufgenommen werden, die vorhandenen, aktuell völlig zersplitterten Kräfte und Interessen zusammenzuführen und zu bündeln.

Die Stadt muss dazu ohne Zweifel nicht nur Initiative ergreifen, sondern auch aktiv in dem Prozess dabei sein. Aus der Alfelder Erfahrung, die aber im Großen symptomatisch für alle sein dürfte, wird es aber wohl auch eines übergeordneten „Moderators“ und Beraters bedürfen.rah

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