Nach dem Antrag: Wohin geht Paracelsus?

Insolvenz in Eigenverwaltung bietet gute Chancen zur Sanierung / Gehören Fusion und/oder Börsengang zum Sanierungsplan?

Die Paracelsus-Klinik an der Gande in Bad Gandersheim. Hier wurde und wird investiert, weil das Haus den Bedarf nicht decken kann. Und trotzdem ist die gesamte Zukunft erst einmal ungewiss.

Bad Gandersheim. Die Nachricht, dass mit der Paracelsus einer der großen Klinikbetreiber Insolvenz angemeldet hat, wird nicht nur in Bad Gandersheim vielen Beschäftigten und deren Familien das Weihnachtsfest verdorben haben. Nach dem ersten Schock ist in den Tagen nach dem Fest eine erste Gelegenheit, die Lage etwas nüchterner zu betrachten.

Eine der ersten Erkenntnisse dabei ist, dass die Entwicklung genau genommen nicht völlig überraschend war. Dass Paracelsus in Problemen war, hatte sich schon im Laufe der zweiten Jahreshälfte angedeutet. Auslöser dafür sollen vor allem die Kliniken des Verbundes gewesen sein, die Defizite erwirtschaften.
Im Herbst wurde in den Kliniken bereits intensiv über die für November anstehende Zahlung des Weihnachtsgeldes diskutiert. Die Beschäftigten und ihre Arbeitnehmerverbände machten deutlich, dass sie nach zwei Jahren des Verzichts in diesem Jahr eine Zahlung fordern, weil sie nicht erkennen konnten, dass durch den Verzicht die damit beabsichtigten Restrukturierungen erfolgreich in Angriff genommen worden seien.

Zu einer Auszahlung des Weihnachtsgeldes ist es im November nicht gekommen. Das hätte die Finanzen des Konzerns um einige Millionen Euro belastet – und die Insolvenz vielleicht noch früher herbeigeführt. So wurde sie erst am 21. Dezember beantragt.

In Deutschlands Klinikenlandschaft liegt Paracelsus in der Liste der großen Gesellschaften an neunter Stelle. Dominiert wird der inzwischen stark privatisierte Markt durch die sogenannten BIG4 (Big four = großen vier), womit an erster Stelle der Helios-Konzern gemeint ist, der es 2016 auf 5,8 Milliarden Euro Umsatz brachte. Dahinter folgen Asklepios (3,2 Mrd.), Sana Kliniken (2,4 Mrd.) und die Rhön Kliniken (1,2 Mrd.) sowie vor Paracelsus noch Schön Klinik, Ameos, SRH Kliniken und Mediclin. Trotz 409 Millionen Euro Umsatz ist Paracelsus ein eher kleinerer Mitspieler im umkämpften Gesundheitsanbieter-Markt, der nach Beobachtungen von Wirtschaftsexperten einer weiteren Privatisierung entgegenstrebt.

Schaut man auf die Umsatzerlöse der Paracelsus, dann gaben die im Zeitraum 2013 bis 2016 kein unmittelbares Warnsignal. Sie stiegen in dieser Zeit jährlich von 2013 bei rund 347 Million Euro auf genannte 409 Millionen Euro. Nicht Schritt gehalten mit dieser Entwicklung hat aber deutlich die Investitionstätigkeit. Die nahm von 2013 bei nur 11,6 Millionen Euro über fast 20 Millionen in 2014 zum Spitzenwert von 36,5 Millionen Euro im Jahre 2015 zu, um dann in 2016 drastisch auf 21,8 Millionen Euro zurückgefahren zu werden. Ein erstes Warnzeichen?

Kritiker werfen der Paracelsus vor, die notwendigen Umstrukturierungen aufgrund von Managementfehlern nicht früh genug in die Wege geleitet zu haben. Sieben der 40 Kliniken, so hieß es in den Stellungnahmen zum Insolvenzantrag, seien defizitär. Die in Bad Gandersheim gehören nach Kenntnisstand des Gandersheimer Kreisblattes nicht zu diesem Kreis. Betroffen sind sie aber wie wohl alle im Verbund, wobei sich erst noch zeigen muss, wie stark.

Im Vorfeld – und wohl auch Zusammenwirken mit der Entwicklung – hat der bislang starke Mann der Paracelsus, Alleingesellschafter Dr. Manfred Georg Krukemeyer angekündigt, sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen. Er hat in der Vergangenheit immer wieder den Grundsatz vertreten, dass Krankenhäuser nicht an die Börse gehören. Die BIG4 sind es längst. Womit auch klar wird, Menschen, die ein solches Haus in Anspruch nehmen (müssen), sind ebenso längst nicht mehr nur Patienten, sondern Kunden. Damit unterliegen sie wirtschaftlich ganz anderen Betrachtungen.

Mit dem Insolvenzantrag und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit der Restrukturierung, für die Aufstellung des Sanierungsplanes hat die Paracelsus nun bis etwas über Mitte März Zeit, könnte diese Einstellung auch für Paracelsus hinfällig werden und sich der Konzern ebenfalls in Richtung eines börsennotierten Unternehmens bewegen. Was Dr. Krukemeyer bisher kategorisch ausgeschlossen hatte.

Zeichen für eine solche Entwicklung verbinden Wirtschaftsexperten mit Personalien. Seit Juli 2017 ist als neuer Finanzchef Michael Schlickum zur Paracelsus gewechselt. Zuvor war er bei der Schön-Klinik acht Jahre lang für das zentrale Finanzmanagement verantwortlich, bevor er im September 2016 zunächst in die Leitung einer neu von der Schön-Gruppe erworbenen Klinik in Düsseldorf zurückkehrte. Die anstehende Sanierung liegt nun wegen des Insolvenzantrages in Eigenverwaltung (siehe Infokasten) ihm und als Sanierern bekannten Experten anheim.

Noch liegt kein Sanierungsplan vor. Der aber könnte ohne Dr. Krukemeyer zur Beschaffung notwendiger Finanzmittel nun möglicherweise auch einen Börsengang des Unternehmens beinhalten, mutmaßen die Wirtschaftsbeobachter.

Und sie haben noch eine andere mögliche Parallele gesehen: Bevor Air Berlin im Sommer Insolvenz anmeldete, kam ein neuer Vorstand aus den Reihen der? – Lufthansa! Nun bei Paracelsus ein Finanzchef, der vorher für Marktkonkurrent Schön Kliniken tätig war. Die Vorbereitung einer Fusion, die einen neuen Konzern so groß werden lassen würde, wie die Nummer vier des aktuellen Marktes, die Rhön-Kliniken?

Bislang ist das alles noch blanke Spekulation, aber der Markt bewegt sich, und die angespannte Lage macht Kandidaten anfällig für solche nächsten Schritte in einen noch stärker privatisierten Markt. Die nächsten drei Monate werden zeigen, ob der Weg dorthin führt.

Welche Konsequenzen das für die Patienten wie vor allem die nun in Unsicherheiten schwebenden Beschäftigten hat, lässt sich bei all dem nicht absehen. Dass es kaum besser werden wird, darf man aber nach den Kritiken, die an den Arbeitsverhältnissen bei den BIG4 immer wieder geübt werden, wohl befürchten.

Insolvenzantrag in Eigenverwaltung

Insolvenzanträge führen in der Regel dazu, dass ein Insolvenzverwalter eingesetzt wird, der die Finanzverhältnisse prüft und Ansprüche entgegen nimmt, um dann eine Abwicklung vornehmen zu können. Nicht so bei einem Insolvenzantrag in Eigenverwaltung, wie ihn die Paracelsus eingereicht hat.

Die Eigenverwaltung bedeutet, dass der Schuldner die Verfügungsgewalt über sein Unternehmen behält und insoweit Herr des Geschehens bleibt. Anders als im herkömmlichen Insolvenzverfahren, in dem die Unternehmensführung die Kontrolle an den Insolvenzverwalter abgibt, bleibt die Verfügungsgewalt und Finanzhoheit bei der Geschäftsführung. Sie erhält einen Sachwalter an die Seite gestellt, dessen Handlungsspielraum sich ganz überwiegend auf Überwachungsaufgaben beschränkt.

Professionelle Begleitung durch Sanierungsexperten ist in solchen Verfahren die Regel. Regelmäßig gehen Unternehmen deutlich gestärkt aus dem Eigenverwaltungsverfahren hervor, denn die Passivseite der Bilanz wird durch die Verzichte der Gläubiger erheblich optimiert und das Unternehmen erhält ausreichend Spielräume, um auch operativ unter Insolvenzschutz saniert zu werden.rah

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