„Sie müssen jetzt in Gang kommen“

Einzelhandelsexperte Alexander Rudnick referierte bei der Jahreshauptversammlung des GWF

Bad Gandersheim. In eher geringer Resonanz fand am Mittwoch die Jahreshauptversammlung des Gandersheimer Wirtschaftsforums (GWF) statt. Ohne den fünfköpfigen Vorstand waren gerade einmal 15 Anwesende zu verzeichnen. Aktuell hat das GWF 69 Mitglieder. Vor neun Jahren seien dies noch über 100 gewesen, die Zahl sinke leider stetig.

In seinem Bericht legte Vorsitzender Karsten Dielzer dar, dass manche Projekte im vergangenen Jahr gefördert werden konnten, andere mangels Masse auf Eis gelegt wurden. In der Geschäftswelt sind Verluste mit dem Modehaus Kempe und dem Fortgang von Sport Schäfers zu beklagen, was in die Moritzstraße unschöne Lücken gerissen habe. Die Geschäftsfläche des Hauses Kempe biete durchaus Möglichkeiten auch für Filialisten mit größerem Flächenbedarf.

Im Argen liege weiter das Thema Stadtmarketing. Zu lösen sei es nur mit Hilfe professionellen Einsatzes. Unzweifelhaft sei, dass dies Geld kosten werde. Bislang werde das, was an Stadtmarketing gemacht werde, von Ehrenamtlichen geleistet. Andere Städte wie Alfeld und Seesen hätten dafür längst Geld in die Hand genommen. Woher das Geld dafür kommen solle, konnte Dielzer nicht konkret benennen. Vielleicht gelinge es ja, im Zusammenhang mit der Landesgartenschau das Thema voranzutreiben und ein Stadtmarketing aufzustellen. Das GWF habe die Ausrichtung der Landesgartenschau als Chance unterstützt und stehe auch weiter dazu.

Nicht im Sinne des GWF sei die neue Parkregelung in Bad Gandersheim verlaufen. GWF hatte sich lange für kostenloses Kurzparken eingesetzt und bereits mit einer Parksanduhr geliebäugelt, da führte die Stadt ihrerseits das EasyPark-System als App ein. Sicher ein durchaus komfortabler Fortschritt, aber eben nicht eine Lösung in Richtung des von GWF gewünschten freien Kurzparkens.

Aktuell werde gerade die Internetseite des GWF endlich mal auf neuen Stand gebracht. Außerdem habe GWF eine Infotafel am Skulpturenweg übernommen und wird diese aktuell wieder herrichten.

Von den Stadtfesten des letzten Jahres berichtete Gebhard Jungesblut. Das Frühlingsfest sei ordentlich gelaufen, der Bauernmarkt sogar noch deutlich besser. Das Altstadtfest verlief problemlos, solche aber stellten sich beim Weihnachtsmarkt ein, als ein Anwohner auf sein vertraglich verbrieftes Ruherecht pochte und auf ein Ende der Aktivitäten vor seiner Tür um 20 Uhr durchsetzte. Zwar konnte dann eine Ausnahmeregelung bis 22 Uhr bewerkstelligt werden, Musik durfte aber weiter nur bis 20 Uhr gespielt werden. In Northeim oder Einbeck sei das sogar bis 23 Uhr möglich.

Aus dem Bereich des Einzelhandels berichtete Jens Tschäpe. Auch er bedauerte noch einmal, dass der GWF-Einsatz für ein kostenfreies Kurzparken leider erfolglos geblieben ist. Ansonsten gebe es weiter eine große Nachfolger-Problematik bei vielen Einzelhändlern. Hier bestehe ebenfalls die Hoffnung, dass die LGS der Stadt helfe, als attraktiverer Standort gestärkt aus dem Jahr hervorzugehen.

2016 begonnen und 2017 abgeschlossen wurde das Blumenschmuckprojekt an den innenstädtischen Laternen. Die Halterungen sind beschafft, die Bepflanzungen der Schalen vorgenommen, wofür das GWF aufkommt. Die aktuellen Geranien müssen sich noch erst richtig entwickeln. Angedacht war auch eine Kombination mit Bepflanzungen vor Mitgliedsgeschäften, die 30 Euro im Einzelfall gekostet hätte, aber auf unerwartet und auch unverständliche Schwierigkeiten in der Umsetzung traf.

Im Jubiläumsjahr der Domfestspiele konnte durch Peter Dietrich und Hans Jürgen Kliche eine Aktion zur Dekoration von Schaufenstern mit Domfestspielbezug angestoßen werden, die schon zu ersten Ergebnissen geführt hat.

In der Diskussion ging es – einmal mehr – um das Thema Ladenöffnungszeiten. Herr Jördens bemängelte, dass die Stadt noch so schön gemacht werden könne, ohne ausreichende und möglichst einheitliche Öffnungszeiten nütze das alles gar nichts.

Das Problem sei noch viel größer, warf Jochen Neidhardt ein. Vielfach bestehe bei den Eigentümern von Leerständen anscheinend gar kein echtes Interesse, Immobilien zu vermieten oder gar zu verkaufen. Telefonnummern führten ins Leere, zurückgerufen werde nicht, Preis-Vorstellungen seien völlig jenseits der tatsächlichen Verhältnisse.

Für ein Referat hatte GWF Alexander Rudnick ins Waldschlößchen eingeladen. Er hatte auch schon beim Jahresempfang der Stadt einen viel beachteten Beitrag über die Stadtentwicklung Alfelds gegeben. Nun ging es um die Frage genereller Innenstadt-Entwicklung und der des Einzelhandels.

Gründe für den wachsenden Druck auf kleine Städte wie Bad Gandersheim seien ein deutlich höherer Bildungsstandard (führt zu Abwanderungen), eine deutlich gestiegene Frauenerwerbsquote (fällt als „Shopping“-Schicht damit weitgehend aus) und der demografische Wandel – wir werden insgesamt weniger. In der Summe führt dies – grob gesagt – dazu, dass während der normalen Geschäftszeiten, die eben auch oft gleich mit den Arbeitszeiten sind, in den Innenstädten hauptsächlich Rentner und Arbeitslose unterwegs seien.

Für den Einzelhandel bedeutsam sind der Trend zu großflächigem Einzelhandel, die Zunahme der Marktanteile weniger Lebensmittelhändler und Drogeriemärkte, ein verändertes Konsumentenverhalten (durch Mobilität) und der Online-Handel.

Den Flächenhunger aktueller Marktbetreiber könne Bad Gandersheim in seiner unmittelbaren Innenstadt gar nicht bedienen. Eine Wahl gebe es nicht mehr, wer einen solchen Markt in der Stadt haben wolle, müsse dessen Forderungen einfach erfüllen können, sonst sei der Anbieter eben weg.

Innenstadtbelebung gehe aber nur über den dort ansässigen Einzelhandel. Ohne den würden die Städte zu Wohnbereichen und damit während der Arbeitszeiten so tot sein wie Wohngebiete es tagsüber eben seien. Wo die Arbeit zudem auswärts liege, werde auf dem Weg hin und zurück eingekauft. Das müsse also keineswegs mehr (wohn)ortsgebunden sein.

Wer in eine Innenstadt investieren wolle, müsse zuerst ein positives Bild erstellen, wie er eine Innenstadt haben wolle. Dazugehören sollten Einzelhandel, Wohnen, Kultur und Freizeit, Gastronomie und Dienstleister in einem guten Mix, der die Elemente der Identifikation, des Wohlfühlens, eines Erlebnisses und der Kommunikation abdecken sollte.

Um in einer Stadt Bad Gandersheim einen Prozess in Gang zu bringen, müsse dies aus der Stadt selbst heraus angestoßen werden, genauso aber begleitet werden durch Menschen, die sich der Sache leidenschaftlich und professionell verschrieben haben. Eingefrorene Prozesse wie den Kauf und Verkauf von Immobilien müssten wieder belebt werden. Sinnvoll sei die Gründung einer Standortgemeinschaft, die sich mit Leerstandsbeseitigung, Marketing und Entwicklungskonzepten befasst.

Das Entscheidende, so Rudnick abschließend, sei, jetzt ganz schnell in Gang zu kommen, dann sei zum Beispiel zur wichtigen Marke der Landesgartenschau noch ausreichend Zeit, etwas zu erreichen.rah

Bad Gandersheim

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