Standort von hoher Qualität mit Luft nach oben

Chancen und Perspektiven für Bad Gandersheim aus Architektensicht / Norbert Sachs hält Vortrag

Architekt Norbert Sachs während seines Vortrags beim Haus- und Grundbesitzerverein im Hotel Waldschlößchen.

Bad Gandersheim. Für die Roswithastadt gibt es aus Architektensicht viele Perspektiven. Das ist während der Jahreshauptversammlung des Haus- und Grundbesitzervereins deutlich geworden. Der in Berlin tätige Architekt Norbert Sachs, der in Bad Gandersheim groß geworden ist und hier die Schule besuchte, schilderte persönliche Eindrücke von seiner Geburtsstadt und Ideen, mit denen diese weiterentwickelt werden könne. Wichtige Schritte nach vorn verspricht er sich von der Landesgartenschau. Sie werde positive Impulse erzeugen „und ich hoffe auch nachhaltig“.

„Es ist nicht alles schlecht in Bad Gandersheim, es gibt auch eine Menge Chancen“, machte er gleich zu Beginn seines Vortrags im Hotel Waldschlößchen deutlich. Nachdem der Architekt verschiedene seiner Entwürfe für Projekte im In- und Ausland vorgestellt und seine Visionen von Architektur geschildert hatte, kam er auf die Situation in der Roswithastadt zu sprechen.

Eine „Riesenproblematik“ in Bad Gandersheim seien die Leerstände, hinzu komme der Einwohnerrückgang, „ein gewisser Prozess der Überalterung“ und ein Sanierungsstau, „wobei ich finde, das ist noch ein freundlicher Ausdruck“. Sachs: „Wenn ich mir die Kuranlagen anschaue, dann könnte man teilweise auch von Verwahrlosung sprechen, das ist echt ein Problem“. Ein „fundamentaler Knackpunkt“ für die weitere Entwicklung des Kurstandortes Bad Gandersheim sei der richtige Umgang mit dem Problem des leerstehenden Kurhauses. „Es muss etwas gemacht werden“, betonte der Gastredner, der die Situation als „absolutes Unding“ bezeichnete. Die Landesgartenschau könne eine Initialzündung sein, um viele Probleme im Kurbereich zu lösen.

Ein ganz wichtiger Aspekt aus Architektensicht sei die Aktivierung der Altstadt, die er „als Standort von wirklich hoher Qualität“ bezeichnete, „wo, glaube ich, noch sehr, sehr viel Luft nach oben ist“. Da sei in Zukunft sehr viel möglich. Die Substanz in Bad Gandersheim biete beste Voraussetzungen, qualitativ hervorragenden Wohnraum zu schaffen.

Der Blick in Hinterhöfe zeige ein Sammelsurium von Schuppen und einigem mehr, was „in vielen Fällen nicht sehr schön ist“. Auch in anderen Städten zeige sich, dass sich in relativ beengten Situationen Kleinode schaffen ließen. Eine Strategie könne sein, diese Bereiche zu entkernen. „Vieles davon wird nicht mehr gebraucht und könnte entrümpelt werden.“ Bestehende Gebäude könnten zum Beispiel durch einen kleinen Neubau ergänzt werden.

Wichtig sei es, eine Kleinstadt wie Bad Gandersheim auch für ein jüngeres Publikum attraktiv zu machen, das es auch auf sich nimmt für eine weitere Strecke zum Arbeitsplatz zu pendeln „und sich auf Wohn- und Lebenskonzepte einzulassen, die nicht das Häuschen im Grünen mit dem Carport davor sind“. Dies könne auch bedeuten, „dass man mal etwas abreißt“. Ein Pfund, mit dem Bad Gandersheim wuchern könne, sei, dass es hier Wohnraum zu außerordentlich günstigen Preisen gibt.

Wichtig ist es nach Worten des Architekten, Konzepte für die kleinen leerstehenden Läden zu finden. Veränderungen im touristischen Bereich, die auch aus der demografischen Entwicklung herrührten, könnten Bad Gandersheim zu gute kommen. Der regionale innerdeutsche Tourismus werde zunehmen. Die ganze Klimadebatte werde dies begünstigen. Viele Leute, die sehr stark in ihre Jobs involviert und gestresst seien, suchten sich in ihrer Urlaubszeit andere Erlebnisse und andere Erfahrungen. In diesem Punkt sieht der Architekt durchaus auch ein Potenzial für Bad Gandersheim.

Er benannte noch einen anderen Ansatz, der vorsieht, Konzerte und Ausstellungen in einem unerwarteten Raum auszurichten. Es existierten durchaus vor Ort eine Menge interessanter Lokalitäten und Räumlichkeiten dafür. „Es gibt einen Bedarf an neuen Angeboten“, unterstrich der Referent, nach dessen Worten es etwas sein müsse, was die Leute auch auf einer ästhetischen Ebene anspreche. Wenig ästhetisch seien die Gastronomiezelte, die während der Gandersheimer Domfestspiele aufgebaut würden, bemerkte er in diesem Zusammenhang.

Das jährlich wiederkehrende Ereignis sei wichtig für den Kulturstandort. Aus ökonomischer Sicht verstehe er, dass sich das Festivalwesen so ein bisschen in Richtung Musical bewegt. „Ich würde mir wünschen, dass man das nicht überreizt, sondern auch versucht für eine breite Palette an Publikum attraktive Angebote zu schaffen“. Dabei denke er speziell an jüngere Besucher. „Man hat das Gefühl, dass das Durchschnittsalter im Publikum relativ hoch ist, was ein bisschen mit dem Angebot zu tun hat“.

Sachs erinnerte daran, dass Roswitha von Gandersheim gerade in der angelsächsischen Region offensichtlich im literatur- und theaterwissenschaftlichen Bereich durch die Thematik des Feminismus eine wichtige Rolle spiele. „Viele Leute im akademischen Bereich kennen Roswitha von Gandersheim. Ich weiß nicht, ob das deutschlandweit so ist“. Die historische Figur sei ein Alleinstellungsmerkmal für Bad Gandersheim und werde gerade wieder neu entdeckt. Sachs regte an, dass die Roswithastadt für sich eine Vision entwickelt, wo sie als Stadt mal stehen möchte. Es gelte zu überlegen, was angeboten werden müsste, um Leute von außerhalb anzuregen, hierher zu ziehen.

Sachs: „Heckenbeck schafft das“. Man sollte nicht aufgeben, für Bad Gandersheim eine ähnliche Vision zu schaffen. Um die Zuhörer in ihren Hoffnungen zu stärken, kam er auf das zu sprechen, was unter Städteplanern als „Bilbao-Effekt“ bezeichnet wird. Gemeint war der Bau einer Zweigstelle des Guggenheim-Museums. Ein solches Projekt habe dort die „ganze Stadt als Initialzündung transformiert“.art

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