„Mit so einer Solidarität haben wir nicht gerechnet“

Hilfsaktion für Opfer des Serienbrandstifters: Landwirte helfen in Not geratenen Kollegen mit Stroh

Zufriedene Kühe, erleichterte Landwirte: Dirk und Hendrik Engelke und Mitarbeiter Christoph Dauer (von rechts) freuen sich, dass sie dank der Solidarität ihrer Kollegen ausreichend Stroh für ihre Tiere haben.

Greene. Diesen Tag werden die Landwirte Dirk und Hendrik Engelke so schnell nicht vergessen. Fassungslos stehen Vater und Sohn am 9. September 2020 auf einem Feld nahe Greene und müssen mitansehen, wie ihre komplette Ernte in Flammen aufgeht. Ein Brandstifter hat ihr Strohballenlager angezündet. Das Feuer breitet sich rasend schnell aus, 2.000 Rundballen werden ein Raub der Flammen. Für die Landwirte ist es eine Katastrophe: Sie brauchen das Stroh als Einstreu für ihre mehr als 350 Kühe und Jungtiere. Wie sollen sie ihr Vieh durch den Winter bringen, wenn der gesamte Vorrat verbrannt ist? Dann passiert etwas Unerwartetes: Schon kurz nach dem Brand kursieren in den sozialen Medien Aufrufe, den in Not geratenen Landwirten zu helfen. Die Resonanz ist überwältigend: „Damit haben wir nicht gerechnet, dass unter Landwirten so eine Solidarität herrscht“, sagt Hendrik Engelke.

Zwei Wochen nach dem Brand nimmt die Polizei den mutmaßlichen Urheber fest. Der 24-Jährige gesteht eine ganze Serie von Brandstiftungen im Raum Einbeck. Im März verurteilt das Landgericht Göttingen den früheren Feuerwehrmann wegen 17 Brandstiftungen und diverser Betrugsdelikte zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren ( „EM“ berichtete). Ebenso wie der Staatsanwalt werten auch die Richter das Anzünden der Strohballen als besonders schwerwiegend, weil der Angeklagte damit die Landwirte in existenzielle Nöte gebracht habe.

Der 25-jährige Hendrik Engelke hatte damals noch versucht, mit dem Teleskoplader einige Rundballen aus der 100 Meter langen Miete herauszuziehen – vergeblich: „In einer halben Stunde stand alles in Flammen“, erzählt er. Die Feuerwehren hatten das Problem, dass sie mehr als 5.000 Meter Schläuche legen mussten, um das Feuer auf dem Feld bekämpfen zu können. Sie ließen dann das Stroh gezielt abbrennen, weil man es gar nicht mehr hätte verwerten können. Wochenlange mühevolle Arbeit war umsonst gewesen. „Bei der Strohernte hat man vier bis fünf Wochen zu tun, bis alles unter Dach und Fach ist“, sagt der 54-jährige Betriebsinhaber Dirk Engelke. Gleichzeitig war dies ein großer materieller Verlust. „Strohballen werden für 20 bis 40 Euro gehandelt“, erzählt er. Um Ersatz zu bekommen, hätten sie viel Geld aufnehmen müssen. „Das wäre finanziell eng geworden.“

Hinzu kam ein ganz praktisches Problem: Strohballen lassen sich nicht so einfach beschaffen, man kann sie weder im Supermarkt kaufen noch bei Amazon bestellen. Hier half es, dass auch Landwirte inzwischen gut vernetzt sind, so auch Hendrik Engelke. Der 25-Jährige, der nach der Landwirtschaftslehre noch die Fach- und Meisterschule absolviert hat und später den Betrieb seines Vaters übernehmen will, ist im Verein „Land schafft Verbindung“ aktiv, der sich für allgemeine Belange der Landwirtschaft einsetzt. Als die Nachricht von dem abgebrannten Strohballenlager die Runde machte, starteten die engagierten Landwirte diesmal keine Kampagne gegen agrarpolitische Vorgaben, sondern einen Aufruf zur Unterstützung ihrer in Not geratenen Berufskollegen. Die Resonanz sei enorm gewesen, sagt der Junglandwirt. Auch andere Landwirte hätten sich spontan gemeldet und Stroh zum Selbstkostenpreis oder für einen geringen Obolus angeboten.

Auch danach ging die Unterstützung weiter: Mehrere Kollegen halfen dabei, die riesigen Mengen Stroh von den meist weit entfernt liegenden Höfen der Anbieter nach Greene zu schaffen. Einmal seien sie mit zehn Gespannen bis nach Springe gefahren, um 800 Ballen zu holen, sagt Hendrik Engelke. „Wir waren den ganzen Tag unterwegs, das war ein ziemlicher Ritt.“

Dank dieser tatkräftigen Hilfe konnten die Landwirte weiter das umsetzen, was ihnen besonders am Herzen liegt: „Wir haben in den vergangenen Jahren viel investiert, um das Tierwohl zu erhöhen“, sagt Dirk Engelke. „Dafür brauchen wir viel Stroh.“ Die 190 Milchkühe und 170 Jungtiere haben in den offenen Ställen nicht nur viel Licht und frische Luft, sondern beispielsweise auch eine große Liegefläche mit einer besonders dicken Lage Stroh. Ohne die Unterstützung ihrer Kollegen hätten die Greener Landwirte an Stroh sparen müssen. „Die Tiere hätten dann gelitten“, sagt Hendrik Engelke. Jetzt aber sei die Versorgung gesichert: „Bis zur Gerstenernte wird es reichen.“pid-nie

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