Heute ist Europäischer Tag des Notrufs

Einsatzleitstelle des Landkreises Northeim: Jeden Tag 63 Notrufe unter 112 | So wird hier gearbeitet

23.129 Notrufe über die 112 gingen 2019 bei den Mitarbeitern der Einsatzleitstelle ein (von links): Maik Swiridow, stellvertretender Leiter der Einsatzleitstelle, Praxisanleiter Sven Starosta, Kai Reichelt, Leiter der Einsatzleitstelle, und Leitstellendisponent Nicolai Armbrecht an einem Arbeitsplatz in der Leitstelle in der Von-Menzel-Straße in Northeim.

Für jemanden, der in Not geraten ist, gibt es mehrere Möglichkeiten, Hilfe zu rufen – eine davon ist die in Europa länderüber­greifende Notrufnummer 112. Alle Notrufe, die im Landkreis Northeim unter der 112 abgesetzt werden, landen in der Einsatzleitstelle. 2019 geschah das 23.129 Mal.

Northeim. Die offizielle Bezeichnung für die Einsatzleitstelle des Landkreises Northeim, die sich im Gebäude der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Northeim befindet, lautet integrierte Leitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienst, kurz ILS. Genau das macht sie auch aus: Von hier aus werden im Notfall Rettungsdienste und Feuerwehren alarmiert. Was davon angefordert wird, entscheiden die Leitstellendisponenten. Sie nehmen die Anrufe entgegen und fragen als erstes den Notfallort ab. Im Fall von medizinischen Notfällen wird dann automatisch angezeigt, welcher Rettungswagen oder Notarzt sich am nächsten befindet, damit die Zeitspanne bis zum Eintreffen am Notfallort so kurz wie möglich ist.

Jeweils zwei der 14 Mitarbeiter sind im Dreischichtsystem rund um die Uhr erreichbar, einer hat zudem zusätzliche Rufbereitschaft, sollte es beispielsweise aufgrund eines Unwetters besonders viele Anrufe in der Leitstelle geben. Bei größeren Lagen können zusätzlich alle dienstfreien Disponenten alarmiert werden. Wann das größte Notrufaufkommen herrscht, lasse sich nicht pauschal sagen, berichtet Kai Reichelt, Leiter der Einsatzleitstelle. Fest stehe aber: „Eine Schicht ohne Notruf gibt es nicht.“

Vor allem dann, wenn Menschenleben in Gefahr sind, müssen die Disponenten in Sekundenschnelle handeln und spielen eine wichtige Rolle dabei, ob ein Patient eine Überlebenschance hat. 38 Mal haben sie im vergangenen Jahr am Telefon Anrufer dabei angeleitet, eine leblose Person zu reanimieren. Dafür wurde ein ausgeklügeltes Anleitungssystem – die strukturierte Notrufabfrage – entwickelt, das der Disponent durchgeht und Schritt für Schritt erklärt, was der Anrufer tun muss. So kann kein wichtiges Detail vergessen werden. Anders als noch vor ein paar Jahren bleiben die Disponenten während der Reanimation in der Regel bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes, der noch vor Beginn der Wiederbelebung alarmiert wird, telefonisch an der Seite der Helfer.

Alle Disponenten sind Erste-Hilfe-Experten: Sie sind ausgebildete Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter, zudem sind alle auch feuerwehrtechnisch ausgebildet. Dennoch ist eine Telefonreanimation auch für sie eine besondere Herausforderung. Nur selten erfahren die Disponenten im Nachhinein, was aus den Patienten geworden ist. Doch es gibt auch Fälle, die im Kopf bleiben: „Eine junge Frau musste letztes Jahr ihre Mutter reanimieren, ich hatte sie am Telefon dabei angeleitet. Ein paar Tage später rief sie noch einmal an. Ihre Mutter hatte es leider nicht geschafft, dennoch wollte sie sich für die telefonische Hilfe bedanken. Es ist schön zu hören, dass die Menschen wissen, dass das, was man getan hat, gut war – auch wenn es leider nicht immer zum Erfolg führt“, erzählt Reichelt.

27.175 Einsätze für den Rettungsdienst hat die Einsatzleitstelle für 2019 verzeichnet, aufgeteilt in Einsätze für Rettungswagen (16.450) und Krankentransporte (10.725), bei denen kein Notfall vorliegt. 284 Mal wurde zudem der Rettungshubschrauber aus Göttingen von der Leitstelle angefordert. Ein Notarzt war in 5.527 Fällen im Einsatz.

Bei der strukturierten Notrufabfrage erfragt der Disponent zu Beginn eines Telefonats, um was für eine Art Notfall es sich handelt und kann die je nach Einsatz zuständige Organisation benachrichtigen. Im Fall von Bränden werden dann eine oder mehrere der 151 Feuerwehren im Landkreis Northeim alarmiert. 2019 hat die Einsatzleitstelle 756 Brandeinsätze aufgenommen, bei einem Großteil (628) handelte es sich um kleinere Brände, bei 96 um Brände mittlerer Größe, und 32 Mal wurde zu einem Großbrand alarmiert.

Den größten Anteil der Feuerwehreinsätze bilden aber Hilfeleistungen: 1.535 Mal hat die Einsatzleitstelle dafür Feuerwehren im Landkreis alarmiert. Dazu zählen umgefallene Bäume auf der Straße (130), verschlossene Türen öffnen, weil Gefahr in Verzug war (150) oder Öl auf der Straße entfernen (232 Mal), aber auch Personensuche (acht Mal), eingeklemmte Personen aus Fahrzeugen befreien (32 Mal) oder Tierrettung (42 Mal). „Von verletzten Schwänen über mutterlose Waschbärbabys bis zur klassischen Katze im Baum war alles dabei“, berichtet Maik Swiridow, stellvertretender Leiter der Einsatzleitstelle.

In der Einsatzleitstelle gingen im vergangenen Jahr 76.321 Anrufe ein – das sind 209 Anrufe am Tag. Doch nicht bei allen handelte es sich um Notrufe: Neben dem Notruf unter der 112 ist die Einsatzleitstelle auch unter der Amtsnummer 05551/606600 zu erreichen; das passierte 2019 30.746 Mal. Auch Anrufe über die 05551/19222 laufen in der Einsatzleitstelle ein. Das ist die bundesweite Nummer für Krankentransporte, bei denen kein Notfall vorliegt. 11.846 Mal hat das Telefon unter dieser Nummer 2019 geklingelt.

2019 gab es zudem 10.600 Anrufe über die Nummer 116117, über die man den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreicht. Bis Ende 2019 liefen die Anrufe ebenfalls in der Einsatzleitstelle ein. Damit ist seit Jahresanfang allerdings Schluss. Stattdessen hat die Kassenärztliche Vereinigung die Terminservicestelle Akutfall eingerichtet, die unter 116117 ebenfalls 24 Stunden täglich erreichbar ist. Anrufer werden von dort an Arztpraxen, Bereitschaftsdienste oder Notfallambulanzen im Krankenhaus vermittelt.

Europaweit steigt der Anteil an Notrufen aus Mobilfunknetzen. Insbesondere bei ortsunkundigen Anrufern führt dies immer wieder zu ungenauen Ortsangaben. Um den Standort des Anrufers besser ermitteln zu können, wurde die freie Software Advanced Mobile Location, kurz AML, entwickelt. Die Software, die in Android und aktuelle iOs-Versionen integriert wurde, aktiviert im Fall eines Notrufes an die 112 automatisch GPS und WLAN, um eine möglichst genaue Position zu ermitteln und mit dem Notruf zu übertragen. Die Leitstelle Northeim setzt seit Oktober 2019 eine selbst entwickelte Software ein, um diese Daten abrufen und darstellen zu können. Sollte das Smartphone nicht über AML verfügen, gibt es mit der Ortungs-SMS eine weitere Möglichkeit, den Standort zu ermitteln. Der Datenschutz ist dabei gewährleistet: Die übertragenen Daten werden ausschließlich für schnellstmögliche Hilfeleistung verwendet und nach dem Notruf automatisch gelöscht.

Im Fall von missbräuchlicher Nutzung des Notrufs ist es über die Polizei auch nachträglich möglich, die Position des Anrufers sowie die Daten des Anschlussinhabers zu ermitteln. 2.607 Mal wurde 2019 der Notruf missbräuchlich angerufen. In fast allen Fällen handelte es sich jedoch um Versehen, sagt Leitstellenleiter Reichelt – etwa dann, wenn das Handy ohne Displaysperre in der Tasche allein den Notruf wählt. Passiert das mehr als einmal, rufe die Leitstelle auch schon mal zurück, erklärt Maik Swiridow: „Vor allem, um sicher zu gehen, dass kein Notfall vorliegt, aber auch, um den Anrufer wenn nötig zur Rede zu stellen.“ Auch das Unterdrücken der Rufnummer helfe nicht: Diese wird bei Notrufen automatisch übermittelt. Swiridow berichtet, ein Junge habe mal über 70 Mal in einer Nacht angerufen und die Disponenten sogar beleidigt: „Am nächsten Morgen stand beim ihm dann die Polizei vor der Tür.“

Der Missbrauch des Notrufs ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat. Nach §145 StGB wird bestraft, „wer absichtlich oder wissentlich Notrufe oder Notzeichen missbraucht oder vortäuscht, dass wegen eines Unglücksfalles oder wegen gemeiner Gefahr oder Not die Hilfe anderer erforderlich sei.“ Es drohen Geldstrafe oder sogar Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. Wird durch den Anruf ein unnötiger Einsatz ausgelöst, muss der Anrufer die Kosten dafür tragen.

Die integrierte Leitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienst ist für den gesamten Landkreis Northeim zuständig. Sie existiert seit Juli 1982 und befindet sich in der Von-Menzel-Straße 3 in Northeim. Sie ist rund um die Uhr mit zwei Disponenten besetzt. Aufgeschaltet sind 229 Betriebe mit Brandmeldeanlagen, zudem können insgesamt über 20 Rettungsfahrzeuge von fünf Rettungswachen und vier Notarztstandorten alarmiert werden. Im Landkreis Northeim gibt es 147 freiwillige Feuerwehren sowie vier Werkfeuerwehren, drei Feuerwehrbereitschaften und drei technische Einsatzleitungen mit insgesamt 360 Fahrzeugen, die von der Einsatzleitstelle alarmiert werden können. Hinzu kommen sonstige Einheiten wie THW, Schnelleinsatzgruppen, Wasserrettung oder Rettungshundestaffel.lpd

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