Abschied von einer Zirkuslegende

Gerd Siemoneit-Barum lebte ein Leben in und für die Manege

An glückliche Momente mit ihrem Vater erinnert sich Rebecca Siemoneit-Barum und erklärt: »Er war so unglaublich stark und meine Mutter ist so tapfer. Der Verlust ist kaum in Worte zu fassen.«

Volksen. In der Nacht zum 20. Juli verstarb friedlich, im Kreis seiner Lieben in Einbeck, Gerd Siemoneit-Barum, an den Folgen seines im Frühjahr 2020 erlittenen Schlaganfalls. Er wurde 90 Jahre alt. Gerd Siemoneit-Barum hinterlässt nach 46 Ehejahren seine Ehefrau Rosalind (72) und die gemeinsamen Kinder Rebecca (43) und Maximilian (39) sowie seine Enkelkinder Philipp (10), Joshua (23) und Rachel (21).

Am 6. März 1931 kam er in Gumbinnen in Ostpreußen zur Welt. Seine Eltern bewirtschafteten die Kantine einer Kaserne, er hatte einen jüngeren Bruder, Ernst. Die heile Welt bekam einen Riss am 1. September 1939. Auf dem Weg in die Badeanstalt erfuhr der junge Gerd vom Krieg, erinnert er sich in seiner Autobiografie »Viel riskiert für einen Traum«.
Im Kriegsalltag wurde ein Zirkusbesuch zur Abwechslung – und zum Augenblick, der sein Leben verändern sollte. »Von Stund an bin ich wie verhext«, schreibt er. »In mir entsteht bereits die Vision meines künftigen Lebensweges. Für mich ist der Zirkus die Insel der Verheißung.« In der Realität konnte er sie nur selten genießen, aber der Film »Die große Nummer«, der von einem Raubtierdompteur handelt, wurde zum Ansporn für seine Karriere.

Vater Franz starb im August 1943 an der Front. Die Familie blieb noch einige Monate in Ostpreußen, bevor die Front näher rückte und alle fliehen mussten. Erste Station war Dresden, und hier erlebte der junge Gerd eine Offenbarung: Das Gebäude des Zirkus Sarrasani in der Stadt. »Ich bin gerettet – mein Unglück bedeutet für mich mein Glück.« Doch das Glück erwies sich als brüchig, denn der verheerende Luftangriff im Februar 1945 richtete auch im Zirkus größte Schäden an. Die Welt mitsamt seiner Träume lag in Schutt und Asche.

Nach Kriegsende ging es über Friedland nach Hamburg, in die Heimat seiner Mutter Emmy Henning. Dort wartete mit Williams erneut ein Zirkus auf ihn, als sollte es so sein. Mit 15 Jahren hielt ihn nichts mehr, er heuerte dort an, und am 7. Mai 1946 begann sein Leben in und für die Manege. Im Circus Barum trat er danach bei Direktorin Margarete Kreiser, als Reiterakrobat auf, bis ein Unfall ihn stoppte und ihm wiederum ein Zufall eine neue Chance wies: Die Raubtiere, speziell die Löwen, hatten es ihm angetan. Dies blieben auch seine Lieblingstiere, gesteht er: »Die Würde und der Stolz dieser Tiere sind unvergleichlich.«
Er erlebte alle Höhen und Tiefen des Geschäfts, aber meist ging es nach oben. Er feierte im In- und Ausland Erfolge, kam als »Jens Claasen« Mitte der 60er Jahre als Schauspieler zum Fernsehen. 1970 kaufte er den zwei Jahre zuvor eingestellten Circus Barum und gründete ein eigenes Unternehmen, den »Circus Safari« mit Sitz in Einbeck.
1971 erwarb er die Rechte am Namen Barum, und damit und mit seinen fantastischen Raubtiernummern, unter anderem mit weißen Tigern, schrieb er mehr als drei Jahrzehnte lang Manegen-Geschichte.

1975 erhielt er den Silbernen Clown beim Internationalen Zirkusfestival von Monte-Carlo, 1998 wurde er dort für sein Lebenswerk geehrt. Das Bundesverdienstkreuz hat er ebenso erhalten wie die Goldene Ehrennadel der Stadt Einbeck.
Als gefragter Tierlehrer hat er sein Wissen in zahlreichen Fernsehbeiträgen als Experte weitergegeben. Interessant und spannend wusste er zu erzählen – aus dem eigenen Leben und warum sich Tiere so verhalten, wie sie es tun.

2002 stand er letztmalig mit »seinen« Großkatzen in der Manege, der Circus Barum gab 2008 seine letzte Vorstellung. Ehefrau Rosalind würdigt ihn mit den Worten: »Seine Disziplin und Geradlinigkeit war nicht nur für unsere Familie ein Vorbild, er war meine große Liebe, mein Fels in der Brandung.«red